Text Monika Rinck

Gehilfen ihrer selbst

Lauft herbei auf den Spuren meiner herben Seele: Treuer Hund und stolzes Pferdchen. Wie seht ihr die Landschaft gedeihen? Gewaltig. Ja, das tue ich auch. Löst sie sich nicht anspruchsvoll und überaus gesprächig, wie ein gerade noch mal gut gegangener Unglücksfall, auf in ihren Vordergrund? Siedelt dort partikelweise? Heftet sich überall an – und durchdringt das Zentrum, dem sie einst Umgebung war. Sie läuft sich frei, ist ausgewildert, verlässt die eigenen Mitte und bereitet sich, verborgen in neuen Hinterhalten, irgendetwas zu mit Aprikosen. Einen Flan, nehme ich an, oder eine brûllende Creme, von neoromantischem Flitter umschwärmt. Tritt nun der Paddler des Herrn aus dem Erlenschatten? O weicher Flaum der Aprikose! Du überstehst nicht deine Zubereitung, klagt der treue Hund. Der Paddler aber – kommt noch nicht.

Ich will (ganz ohne Ich) mit Euch sprechen, ich will Halm sein und wispern, eine Knospe, ein Saugnapf, eine Struktur. Zum stummen Ritual bewölkt sich der Himmel, ja er bewappnet sich gar. Wessen Wappen mag das sein? Raten Sie nur. Es stürzen flüchtig hingemachte Hörnchen durch den Schlot der ockerfarbenen Abluft hinab. Und hinter alldem erhebt sich die Möhre. O Möhre, rufen treuer Hund und stolzes Pferdchen, hilf uns den Himmel zu deuten. Was zum Beispiel heißen uns die Spuren von Lavendel zu tun? Oder ist dies gar der Spätausläufer der Teilpopulation Veilchen? Sind’s getarnte Royalisten? Und hellrosa-farbene, ins gelb hinüberwandernde Ringe bedecken im Vierklang aller Jahreszeiten die Tiepolo-Bläue. Eheu! Eheu! Wie das? Die Fichte war‘s. Ach so, die Fichte, die klagte, die darf das, mein Herzchen. Schon bald kommt der Herbst, dann fault auch das Laub. Der soeben eingetroffene Paddler der Apokalypse muss wieder nachhause gehen, er hatte neben der Startnummer auch die Posaune vergessen, verspricht aber baldige Rückkehr.

Ooch ma modern jewesen, wa? – Das jeht Ihnen jarnüscht an!

So geschieht es: Die verwirrten Nachrichten überbringen, die überbrachten Nachrichten verwirren – weswegen die Gesandten auch Schalter genannt werden. Sie durchqueren Tauschstationen, und treten nach zehn spanischen Metaminuten ebenso routiniert wie verwandelt vor deren Tore, dort haben sie als erstes das Wetter zu prüfen. Es sind Gehilfen ihrer selbst und sie sind ausnehmend fleißig. Über das Wetter haben sie vieles zu sagen, denn sie betrachten es als Grundatmosphäre des Gegebenen und damit als gleichbedeutend mit Ideologie. Mehrere hochgradig ruinierte Wetterlagen verballen sich südwestlich des Durchschlupfs. Der Luftdruck unterschreitet Sohle, Hufe und Pfote. Empfindliche Menschen werden gebeten, den Rührer zu betätigen und fleischfarbene Cluster zu meiden. Bitte bewegen Sie sich in Richtung des Wedelns. Treuer Hund und stolzes Pferdchen werden Sie dort in Empfang nehmen und mit neuen Koordinaten bezüglich der Revolution versehen.

Herrscht dann bald etwas wie Gerechtigkeit? Kleintiere haben ernsthafte Einflüsterungen, auf die keiner im gnostischen Lesekreis hört, das wird sich als Fehler erweisen. Denn ihr Atem ist eine Faust! Ihr Blick ist eine fatale Girlande! Das Echo ihrer Pfote ist diakritisches Zeichen aus der Welt der Ahnen. Ihre Eingebungen erleuchten die verfinsterte Schnauze der Welt. O ihr Menschen, mit welcher Verspätung nehmt ihr das Offenkundige wahr! Ihr werdet das Boot verpasst haben. Ihr werdet den Teig verprasst haben. Ihr seid nur noch ein Schatten im Treppenhaus der Revolution, vom gegenüberliegenden Hotelzimmer aus gesehen. Ist dies die Zukunft gewesen? Das kann nicht sein. Ein Agent, der für niemanden arbeitet, arrangiert den Inhalt der Nachrichten um, nach einem nur ihm begreiflichen Schema, das Akteure und Erleidende verkehrt, sich als Wurzel des Geysirs ins Erdinnere versprüht, ein Schema also, das mutwillig und kühl ist, nicht einmal zynistisch. Warum tut er das? Wegen der gigantischen Rübe! Müssen Sie noch mehr darüber wissen? Ich glaube nicht. Wo liegen, fragt Benjamin 1929, die Voraussetzungen der Revolution. In einem neuen Verhältnis zum Rausch und zum moralischen Exhibitionismus, gegen die vormals aristokratische Diskretion, die nun als Tugend arrivierter Kleinbürger begegnet.[1]

Pastellene Höllen? Nein, das ist das leicht verschobene Idyll, durchscheinend wie von innen beleuchtete Träubchen auf Barockgemälden. Pfirsiche, Kirschen – und der umgekippte Kelch aus Zinn, der sagt, jetzt ist es aus. Zucker. Zuckerstaub. Sucre. Überzuckerte und bepuderte Affekte stehen bereit. Das verquastete Jammertal, es wurde geflutet, etwas anderes ist jetzt seit Jüngstem beflosst. Oder mit acht Armen begabt. Ah, schauen Sie, es ist ein Oktopus, er ist soeben aus dem lindgrünen Nichts erstanden. Aber, aber, mon Semblable, mon Frère, mon Président, wo acht Arme ich erwartete, zähle ich heute nur fünf! Fünf was, bitteschön? Fünf Arme, Arme des Oktopus. Die Stoiker verglichen die Seele übrigens mit einem Oktopus, dessen acht Fangarme die fünf Sinne, also sehen, hören, tasten, schmecken, riechen sowie, zusätzlich weitere drei, die Sprache, die Fortpflanzung und das Denken!, repräsentieren. So kamen sie auf acht. Jetzt läge es freilich nahe, den fünf verbliebenen Armen des so verminderten Oktopuss‘ die traditionellen fünf Sinne zuzuweisen, was aber wenn dieses Wesen, das zudem an einem Seil zu baumeln scheint, Fangarme besitzt, ganz anderer Natur? Womit wäre ihm in seiner Lage denn gedient? Vielleicht mit dem Fangarm Fiktion? Es ischt nur ein Trauhm. O. Ach so. Er stürzt hinab und landet plunderweich. Was für eine Überraschung!

„Die Ästhetik des peintre, des poète ‚en état de surprise‘, der Kunst als Reaktion des Überraschten ist in einigen sehr verhängnisvollen romantischen Vorurteilen befangen. Jede ernsthafte Ergründung der okkulten, sürrealistischen, phantasmagorischen Gaben und Phänomene hat eine dialektische Verschränkung zur Voraussetzung, die ein romantischer Kopf sich niemals aneignen wird. Es bringt uns nämlich nicht weiter, die rätselhafte Seite am Rätselhaften pathetisch oder fanatisch zu unterstreichen, vielmehr durchdringen wir das Geheimnis nur in dem Grade, als wir es im Alltäglichen wiederfinden, kraft einer dialektischen Optik, die das Alltägliche als undurchdringlich, das Undurchdringliche als alltäglich erkennt.“[2]

Als neo-antike Freunde des in die Pflanze beim Selbstopfer der Weisheit hinein gedrungenen Lichts, als genuine Kenner all jener verstreuten und veruntreuten Lichtfunken, die in die Pflanzen hineingeraten, geplatzt und erneut hineingeraten sind – als solche eben, wissen wir, dass am Ende der Tage die Pflanze ihr Licht an uns alle zurückgeben wird, in einem gewaltigen blendenden Welt-auslöschenden Spektakel, dass sie es verteilen wird wie ein Oktopus, vor einer entzückenden, völlig überbelichteten und schon bald vernichteten Landschaft, mit all ihren Armen! Ja, ihren pflanzlichen Armen. Möchten Sie nicht auch dabei sein, wenn sich dieses vollzieht? Das Unterfell, die Wolle des Geschehens fühlen und sich an jenen allerletzten Tagen wärmen? Ja, das wollen Sie. Das wollen Sie gewiss.

Gespenster der Liebe, zugeneigte Geister, flatterhafte Historienmaler, O Du Schmetterlingsherd, wo die Milchsuppe der Intuition schmurgelt. Das Menetekel ist ein luftiges Gebäck, aus Brandteig gegossen oder mit der Tülle verspritzt. Wir sind dem Guten, dem radikal Guten auf der Spur. Nehmen Sie doch bitte etwas Sahne, ich habe Sie eigens für Sie geschlagen! Es ist der Vorabend der Revolution. Die Dinge erscheinen irgendwie elend und überkommen. „Sie bringen die gewaltigen Kräfte der ‚Stimmung‘ zur Explosion, die in diesen Dingen verborgen sind. Was glauben Sie wohl, wie sich ein Leben gestalten würde, das in einem entscheidenden Augenblick sich gerade durch den letzten beliebtesten Gassenhauer bestimmen ließe?“ [3]  Hm, dies käme gewiss auf den Gassenhauer an, auf meine Geistesgegenwart und Befähigung zu Subversion und guter Laune, sowie die waldinterne Witterung. Ich hätte hier ein farbstark illustriertes Röntgenbild davon, das wir leicht verfremden mussten, nur zu Ihrer Sicherheit. Es entstammt der letzten Zukunft.

Bitte berichten Sie mir in größerer, in größter Ausführlichkeit davon, ich bitte Sie. Figürchen bewohnen Tortenstaaten. Teilpopulation, Ethnien, Petit Fours, der steinerne Begriff des Brüterich, das Ancien Régime brodelt und blüht. Wir haben etwas sehr Süßes, sehr Kompliziertes, quasi Vorgesellschaftliches gebacken. Es ist ganz lieblich, nicht wahr – es ist die vulkanische Unterseite des Idylls, die sich getarnt an die frische Frühlingsluft gewendet hat, gedreht, mithilfe eines Mechanismus aus Farbstaub, Magnetismus und der Unzufriedenheit der Massen. Ah, diese Massen, hakt das stolze Pferdchen ein, gibt es die eigentlich noch? Eine Masse aus Angst und Trübsal vermengen, sehr lange vom Personal kneten lassen, etwa drei Wochen ruhen lassen, dann abbacken und glasiert mit Verdruss über die Brücke in den Ablauf des Seinekanals werfen – so geht es mit dem Backen. Ob das Kuchen oder Brot war, muss eine Kommission in Verkennung jeder Evidenz in einem abgedunkelten Raum anhand von Tarock-Reihen entscheiden. Hicks.

„Es ist ja eigentümlich mit der Dialektik des Rausches bestellt. Ist nicht vielleicht jede Ekstase in einer Welt beschämende Nüchternheit in der komplementären?“[4]  Hm. Ich bin in gleichem Maße dagegen wie dafür, sagt das stolze Pferdchen. Hier herrscht kein gleichmütiger abgefuckter Opportunismus, sondern das bis ins Äußerste mit all meinem Begehren verspannte Schizogefühl. 100.000 Meilen Tau – ja, du treuer Hund, das hast Du ganz richtig gezählt. So viel Tau war nötig gewesen, um alles auf hinreichend schizoide Weise miteinander zu verspannen. Schließlich konnte man sogar Buchstaben sehen, ja, sehen und lesen. Es war enorm, auch entstanden wie ein Menetekel aus Brandteig Zahlen am ochsenblutroten Himmel. Brot und Kuchen, liest das stolze Pferdchen vor und schnaubt. Und, sagt das Pferdchen, mit überdeutlicher Betonung: ‚und‘ – was ist das nur für ein Wort, wie es verbindet und wie es trennt: und. Früchte und Brot. Früchtebrot Fürchtegott Bach, sein gewaltiges Werk für Violoncello. Die überbordende Tafel auf der einen, die armselige Leere auf der anderen Seite. Der Versuch, Kontakt zu den proletarischen Massen zu gewinnen, war kontemplativ nicht zu bewältigen. Nach wie vor zeigten sich Zahlen am Himmel. Was hat das zu bedeuten?

Die Toten kommen zurück, um in unseren Automobilen und Schlafwägen zu fahren. Das hat das zu bedeuten, sagt der treue Hund. Der für immer schwindende Horizont? Ich weiß nicht, sagt der treue Hund, wo ich ihn zuletzt erspähte. Erspähte, erspähte, mokiert sich das stolze Pferdchen. Als wäre das nicht alleine schon beunruhigend genug, klopft es wiederholt an der farbüberströmten Tapetentür! Es klopft heftig! Wer ist’s, mon Semblable, mon Frère? Moment, mon Président, wir müssen die Türe erst finden! O – es ist der Inspecteur Marais! Mon Dieu! Er holt sogleich das Heftchen hervor. Siegerkunst, notiert er. Renegatentum, das auch, und Regression, ja, visionistische Emphühlie, Hochrevolution, Saigon, eine Paddler-Posaune des Jüngsten Gerichts, Creme Brûlée, sowie Lingerien aus Belgien und Graz und diverse ungeheuerliche Instrumente, Haustierhaltung, Medizintechnik, Farbpartikel, Spermaspuren. Dies ist die Malweise des Boudoirs, schon wieder ist der esoterischen Dame ein Spitzentüchlein hinabgestürzt. Hören Sie die Symbolisten winseln? Wenn der Inspecteur Marais hohl und farbenfroh die Obsession der anderen inspiziert, was findet er vor: Scheue Exponate? Stolze Exempel? Entschlossene Epatanten? Nein, es sind alles: Oktoepopöen auf sumpfigem Grund. Der Sumpf ist ja interessant. Der Inspecteur sieht sich im Recht, da „manche Elekti den Libertinismus als Ausdruck völliger Freiheit praktiziert haben könnten, gleichsam als Adelsprivileg einer neuen Menschheit, weil sie glaubten, dass alle weltlichen Gesetze auf den bösen Demiurgen zurückgingen und deshalb für sie keine Geltung (mehr) besäßen“.[5]  Hm.

Sie wissen sicherlich, dass es neben der asketischen Gnosis auch ihre hedonistische Abart gab, deren Vertreter davon ausgingen, dass die Vernichtung der hiesigen und Wiedererlangung der eigentlichen Welt durch das Begehen aller, und zwar wirklich aller menschenmöglichen Sünden zu befördern sei, doziert erneut der treue Hund. Es regnet indes weiter Jahreszahlen, Hermetismen und Markierungen von betörender Süße! Die monströse Möhre greift zum Szepter. Der holde Marquis zieht sich in sein Herpeszimmer zurück. Welche Freiheiten lagen doch einst im Obskuren, im Schönen, im Abgewehrten, Gegenläufigen, Antidotischen und Aporetischen und Sonstigem und allen Pflanzen im Garten. Der quadratische Wasserspiegel macht beinah dem Himmel das Verfinstern vor, er macht sich auf und zu. Grater. Krater. Goodness Gracious Me. Dies ist ein verstiegenes Motto, es ist das Motto der Versteiger. Extravagant ist: Es wird am Ende nicht genannt. Darüber brüten noch lange das stolze Pferdchen, der treue Hund und alle Gehilfen ihrer selbst.

[1] Walter Benjamin: Der Sürrealimus. Die letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz. In: Gesammelte Werke: Essays, Aufsätze, Satiren, Kritiken und Autobiografische Schriften. Ebook. e-artnow, 2014,

[2] Walter Benjamin: Der Sürrealimus, a.a.O.

[3] Walter Benjamin: Der Sürrealimus, a.a.O.

[4] Walter Benjamin: Der Sürrealimus, a.a.O.

[5] Gisela Bleibtreu-Ehrenberg, Der Leib als Widersacher der Seele. Ursprünge dualistischer Seinskonzepte im Abendland, in: Jüttemann, Sonntag und Wulf (Hg): Die Seele – Ihre Geschichte im Abendland. Göttingen 2005. Seite 79