Rezension Hans-Jürgen Hafner

DIE ÜBERBRACHTEN NACHRICHTEN VERWIRREN
Hans-Jürgen Hafner in Texte Zur Kunst über Peter Duka bei Zwinger Galerie / Heft 105 / März 2017

Auch für seine aktuelle Ausstellung „Inspector Louis Marais 1777“ bei der Zwinger Galerie ruft Peter Duka schon im Titel einen Referenzrahmen auf, der – wie zuvor „Die Reise des Doktor Syntax auf der Suche nach dem Pittoresken“ (2015) in der Städtischen Galerie Waldkraiburg und „Rameaus Neffe“ (2012), ebenfalls bei Zwinger – nicht ohne Koketterie auf das kulturell/intellektuelle Milieu der Spätaufklärung an der Wende des 18. aufs 19. Jahrhundert verweist. Als ‚Namenspatron’ der Ausstellung tritt diesmal eine historische Figur auf, die vor allem als Gegenspieler des berüchtigten Libertins, Schriftstellers und Philosophen Donatien-Alphonse-François Marquis de Sade bekannt geworden ist: Louis Marais, Polizeiinspektor „bei der Sitte“. Dieser hatte die Aktivitäten des Marquis seit 1763 beobachtet und eskortierte ihn, offenbar auf Sades Wunsch hin, 1777 in die Festungshaft im Staatsgefängnis Vincennes, das Entrée zu einer Folge langer Einkerkerungen und Startpunkt für die intensivierte schriftstellerische Tätigkeit des Marquis.
Die Referenz auf Sades pflichtbewussten „Satelliten“ ist per se schon einigermaßen interessant, suggerierte sie doch die Identifikation mit der Seite der Ordnung. Aber auch ausstellungstaktisch erweist sie sich als kluger move. So unvermeidlich es nämlich ist, mit Marais die Figur des Libertins zu assoziieren, so wenig bleibt es aus, dass der Gang durch die Ausstellung beinahe zu einer Art Spurensuche nach einem verbindenden Motiv zwischen oder gar einer Geschichte hinter den Bildern wird. Diese tun ihrerseits dann aber herzlich wenig, um die im Titel suggestiv angetriggerte textuelle Verbundenheit tatsächlich zu bestätigen. Eher ist das Gegenteil der Fall. Die in mehreren Bildern variierte inscriptio „ILM 1777“ ist eine allzu offensichtliche Fährte. Die rund zwanzig, in der Regel kleinformatigen und zwischen 2014 und 2016 realisierten Gemälde fallen zueinander recht unterschiedlich aus. Speziell die jüngeren heben sich von Dukas früherer Arbeit zudem durch eine zunehmend artifizielle Kolorierung ab. Die aktuellsten Arbeiten sind exzessiv überzogen, ja förmlich zugeballert mit Spritzspuren, die als physische, präsent belassene Farbkrakel, Motiv- und Schriftwerdung gleichermaßen ausschlagen. Darüber hinaus – und dem Titel damit zum Trotz – gibt sich die Schau keine erkennbare Mühe, ‚ausgestellt’ aufzutreten: das heißt die einzelnen Exponate erzeugen in Auswahl, Präsentation oder dezidierter Installation zueinander kaum eine Konsistenz als ‚Ausstellung’. Der schlüssige (Hyper-)Text, der auch nur eine halbwegs stabile, auf die einzelnen Bestandteile zurückverweisende Story formulieren würden, fehlt.
Dabei hält sich die Enttäuschung darüber, dass das im Titel suggerierte Interpretationsangebot in den Bildern selbst nicht übers Triggern hinausgeht, die Waage, mit dem Genuss am gemalten Bild, den jede einzelne Arbeit für sich auszulösen versteht. Nebenbei: Dazu passt eine sich mit jedem Aufruf nach Zufallsprinzip neu ordnende Bilder-Homepage mit den Gemälden und zusätzlichen Zeichnungen zum „Inspector Marais“, die Duka als digitale extension seiner Schau beigegeben hat.
Einzelne Elemente der Bilder lassen sich dennoch als Motivpartikel daraus isolieren und vielleicht auch im Vergleich über die einzelnen Bilder hinweg im Sinne der Marais-Erzählung signifizieren. Tatsächlich sind Dukas sowohl in Öl wie in Acryl auf Leinwand ausgeführten Gemälde voll von historisch ‚stimmigen’ Signalen. Stilistisch betrachtet, erinnern sie an die Bizarrerien damals hochgradig ‚konzeptueller’ Rokoko-Bildkonstruktionen, meist irgendwie ‚gestörte’ Pastoralen, brüchig gewordene Idyllen und – inhaltlich/historisch – ans Feudale, an Erotik und Revolution. Neben Parks und Landschaftsgärten, zu gleichen Teilen nackten weiblichen und befrackt/bedreizackten männlichen Figurinen á la Friedrich II., auf Stangen gespießten Jakobinermützen und pudrigen Perücken, kommen aber auch völlig zeit- und kontext-fremde Elemente hinzu: ein fünfarmiger Krake beispielsweise, ein mit Prinzessinnenkrone geschmücktes Pony, ein einsamer, fackeltragender Kentaur. Antikisierende Mischwesen aus ‚wildem Mann’ und schlanker Nymphe machen mit Fingerzeig auf Hans von Marées’ matschigem Impasto oder James Gillrays satirisch-erfinderischer Linie ihre eigene, anti-modernistische Rechnung auf, wozu eine in allerhand Farbkrakel eingesenkte Figur in weißem Bodysuit und schwarzem Zylinder samt Stöckchen bestens passt: der Burgess/Kubrick-Charakter Alex DeLarge aus dem Film „A Clockwork Orange“ (1971) fügt sich thematisch wie selbstverständlich in den angedeuteten prä-modern libertären Zusammenhang ein. Dazu kommt jede Menge, es wurde bereits erwähnt, Farbmasse, die – gekritzelt, gespritzt, auf jeden Fall aber ‚künstlich’ auf die Bildfläche draufgesetzt – weder so recht gestaltetes Dekor noch dezidiertes Motiv sein will.
Vieles an Dukas Schau würde sich gut jener Topik einer „anderen“ Moderne zuordnen lassen. Diese stellt ihre Legitimation üblicherweise über den Rekurs auf die „schwarze“ Romantik, den Symbolismus und Surrealismus her, traditionell dubiose, weil allzu gern von Seiten der Reaktion beanspruchte Stile. Dafür wird ebenso gern Malerei und da zumal das figürliche Genre bemüht. Dies nicht zuletzt, um im Sinne der vor allem auf dem Kunstmarkt noch behaupteten Frontstellung zwischen Progressivität/Abstraktion und Reaktion/Gegenständlichkeit aus pittoresker badness, ins Virtuose gewendeter Kleinmeisterlichkeit und anachronistisch Nerdigem Kapital zu schlagen.
Dukas malerischer Ansatz zielt, technisch gesehen, seit langem aufs Pittoreske, Unzeitgemäße. Konzeptionell baut er hoch reflektiert auf die gleichermaßen bildkünstlerische und künstlerforscherische Exegese historischer Bildtypen und Ikonographien gerade auch aus den entlegeneren Bereichen der Kunstgeschichte, wie populärer Grafik und Karikatur – ein Rezept, das als regelrechte Garantie für kunstbetriebliche Randständigkeit gelten konnte. Aber mit der noch ihre widerständigsten Nischen erfassenden Rehabilitation der Malerei während der letzten eineinhalb Jahrzehnte, dem Erfolg einer jüngeren Generation pittoresk-gegenständlich und könnerschaftlich bad malender Künstler/innen wie Vittorio Brodmann, Jana Euler oder Peter Wächtler sollte seine malerisch mindestens ebenso kapriziöse wie historisch informierte Bildkunst gerade heute konsensfähig sein.
Ein ziemlich guter Punkt an „Inspektor Louis Marais“ bleibt gleichwohl: wo heute vor lauter zur Institution geronnenen und zugleich als Währung missbrauchten Malerei kaum mehr die damit hergestellten Bilder gesehen werden wollen, verlässt sich diese Schau ganz und gar auf sie. Die Ausstellung stiftet dabei interessante Anlässe, über andere mögliche Entrées zu einer modernen (Bild-)Kunst nachzudenken.

„Peter Duka: Inspector Louis Marais 1777“, Zwinger Galerie, 19. November 2016 bis 26. Januar 2017